Sozialer Wandel

Alles Leben ist Risiko

Die Nachkriegszeit in Deutschland und Europa war für die Menschen dadurch geprägt, die Bedingungen für das (Über-)Leben zu sichern: Arbeit, Wohnraum, Nahrung, Kleidung und Gesundheitsfürsorge. Alle individuellen wie kollektiven Strategien in Familie und Gemeinwesen waren auf die materielle Absicherung des Lebens ausgerichtet, denn die Knappheit der wichtigsten Ressourcen war das entscheidende Lebens-Risiko. In der sozialen Ungleichheitsforschung war ein „Oben“ und „Unten“ in der Gesellschaft analysierbar, da die Zugänge zu den Ressourcen und materiellen Werten unterschiedlich waren und von den Menschen auch als sehr unterschiedlich erfahren wurden.

Von der Knappheit zur Vielfalt

Erst mit steigendem Wohlstand in den darauffolgenden Jahrzehnten gewinnt die Gestaltung der individuelle Lebensführung an Relevanz. Es wird wichtiger, mit der wachsenden Vielfalt an Ressourcen und Möglichkeiten zurecht zu kommen. Nicht mehr Knappheit und Enge sind die entscheidenden Risikofaktoren. Das Risiko besteht darin, angesichts der Vielfalt der möglichen Ressourcen (Arbeit und Beruf, Freizeitgestaltung, Freundschaften und Beziehungen, Konsum usw.) die individuell richtige Entscheidung zu treffen. Man kann sagen, dass die Qual der Wahl das tägliche (Über-)Leben bestimmt. Das Wirtschaftswunder und der Marshall-Plan sind wohl die entscheidenden Motoren für die allmähliche Sicherstellung von Einkommen und (relativem) Wohlstand und für den damit zusammenhängenden wachsenden Konsum – auch für die Bedienung dieses Konsums durch weitere Produkte und durch Werbung.

https://i2.wp.com/upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/5c/Marshallplanhilfe.gif

Der Wandel des Konsumverhaltens lässt sich beispielsweise am (Massen-)Tourismus ablesen. Ab 1950 war es allmählich möglich, in den Urlaub zu fahren – zumeist Campingurlaub im eigenen Land. Im Laufe der 1950er Jahre nahmen Ferienreisen an der Nordsee und in den Alpen zu – und natürlich der Badeurlaub in Italien.

Erkenntnisinteresse: Die Erforschung sozialer Ungleichheit

Vor diesem Hintergrund gewinnt in der Erforschung sozialer Ungleichheit die Leitidee der Lebensstilforschung an Relevanz. Es zeigte sich seit Ende der 1970er Jahre, dass die klassischen soziodemografischen Schichtungsmerkmale „Einkommen, Bildungsabschluss und berufliche Stellung“ nicht mehr ausreichten, um soziales Verhalten allein zu erklären. Menschen mit gleichen soziodemografischen Merkmalen konnten durchaus unterschiedlichste Lebensstile aufweisen.

Der Soziologe Ulrich Beck bringt diese Entwicklung auf den Punkt: Er spricht in den 1980er Jahren vom Individualisierungprozess. Der Mensch löst sich von historisch vorgegebenen Sozialformen, -bindungen und -normen im Sinne traditionaler Herrschafts- und Versorgungszusammenhänge. Die Welt verliert an Eindeutigkeit und Klarheit: Klassen und Milieus, Normen und Werte lösen sich auf, verlieren an Verbindlichkeit. „Jeder ist seines Glückes Schmied“ kann man sagen. Soziale Ungleichheit wird nicht mehr in Schichten und Klassen, sondern individuell erlebt. Es gibt praktisch keine standardisierten Lebensläufe mehr, sondern die Institution, die den Lebenslauf steuert, ist die eigene Individualität. Ein einfaches Beispiel: Kaum jemand arbeitet gegenwärtig bis zur Rente/zum Ruhestand im Ausbildungsberuf, sondern die berufliche Biografie ist von Umbrüchen, Neuanfängen und mehrfachen Arbeitgeberwechseln geprägt ist. Dies ist gegenwärtig praktisch die Norm geworden.

Bildquelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Marshallplanhilfe.gif (Oktober 2014)

Literaturquellen:

Schmidt, S., Spieß, B., Die Kommerzialisierung der Kommunikation. Fernsehwerbung und sozialer Wandel 1956-1989, Frankfurt/Main 1996 (insbesondere: Kapitel IV zur geschichtlichen Entwicklung gesellschaftlicher Konsummuster, auf das sich die Ausführungen hier beziehen).

Beck, U., Jenseits von Stand und Klasse? Soziale Ungleichheiten, gesellschaftliche Individualisierungsprozesse und die Entstehung neuer sozialer Formationen und Identitäten, in: Kreckel, R. (Hrsg.),  Soziale Ungleichheiten. Soziale Welt, Sonderband 2, Göttingen 1983, S. 35–74.
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